Der neue Titel von Ryu Ga Gotoku Studio, dem Entwickler der Yakuza- und Like-a-Dragon-Serie, heißt „Like a Dragon: Stranger Than Heaven“. Das Spiel wurde jüngst auf einer Xbox-Präsentation enthüllt und sorgt für gemischte Reaktionen. Während die inhaltliche Tiefe und das Setting begeistern, steht eine prominente Figur im Fokus der Kritik: Snoop Dogg. Der amerikanische Rapper und Unternehmer übernimmt die Rolle des mysteriösen Schmugglers Orpheus. Für viele Fans wirkt dieser Auftritt jedoch wie ein Fremdkörper.
Ein Setting mit epischem Potenzial
Ryu Ga Gotoku Studio plant offenbar ein ambitioniertes Projekt: eine Erzählung, die 50 Jahre umspannt, aufgeteilt in fünf Epochen und fünf Städte. Der Protagonist, ein heimatloser junger Mann namens Makoto Daito, beginnt 1915 in Kokura seine Reise. Seine Eltern – ein US-amerikanischer Vater und eine japanische Mutter – werden ermordet, und er sucht in Japan eine neue Heimat, die ihm zunächst verwehrt bleibt. Im Laufe der Handlung führen ihn seine Wege nach Kure, Sotenbori, Atami und schließlich nach Kamurocho – letzteres ist ein zentraler Schauplatz der Yakuza-Reihe. Dieses Detail allein lässt bei eingefleischten Fans die Alarmglocken schrillen, denn es deutet auf eine tiefe Verankerung im etablierten Universum hin. Der Bezug zum Tojo-Klan wird explizit hergestellt, was Spekulationen über die Ursprünge dieses mächtigen Syndikats anheizt.
Das Melodram, das RGG so gut beherrscht
Die Geschichte greift große Themen auf: Identität, Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Ehrgeiz, Freundschaft, Gewalt und historischer Wandel. Genau diese überlebensgroßen Melodramen sind die Stärke des Studios. In der Yakuza-Reihe wurden schon immer scheinbar unvereinbare Elemente wie Tigerkämpfe, Karaoke-Eskapaden, Hostess-Clubs, Wirtschaftssimulationen, Babysitter-Drama und Faustkämpfe gegen halbe Armeen zusammengebracht. Ein internationaler Schmuggler namens Orpheus, gespielt von Snoop Dogg, ist auf dem Papier nicht einmal das Verrückteste, was dieses Studio je gemacht hat. Dennoch macht die Präsentation einen entscheidenden Unterschied: Das Cameo wirkt nicht wie eine Figur aus der Spielwelt, sondern wie Snoop Dogg persönlich, der in diese Welt hineingestolpert ist. Dieses Gefühl wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass der Rapper in den letzten Jahren nahezu als universeller Aufmerksamkeitsverstärker für alles fungiert hat, was eine Marketingabteilung mit Popkultur aufladen wollte: Wein, Feuerstellen, Turnschuhe, Sportübertragungen, Mobilfunk, Cannabis-Produkte, Eiscreme und Olympia-TV.
Snoop Dogg: Vom Rapper zum globalen Brand
Snoop Dogg, bürgerlich Calvin Cordozar Broadus Jr., startete seine Karriere in den 1990er Jahren als Rapper an der Westküste. Mit Hits wie „Gin and Juice“ und „Drop It Like It‘s Hot“ wurde er zur Ikone. Doch längst ist er mehr als das: Er ist ein Unternehmer, Schauspieler und vor allem eine Marke. Seine Präsenz in Werbekampagnen ist so allgegenwärtig, dass sein eigenes Star-Image jede Rolle zu überlagern droht. So auch hier: Seine Rolle als Orpheus mag im Drehbuch Sinn ergeben – ein global vernetzter Krimineller, mysteriös und gefährlich. In der Präsentation war davon jedoch wenig zu spüren. Stattdessen wirkte Snoop auffällig abwesend, als spreche er einen Pressetext vom Teleprompter ab, ohne echte Verbindung zum Spiel. Er war nicht in die Welt eingetaucht, sondern schien nur seine Gage abzuarbeiten.
Vergleiche mit anderen Cast-Mitgliedern
Die Besetzung von „Stranger Than Heaven“ umfasst weitere prominente Namen: Die japanische Sängerin Ado und die US-Sängerin Tori Kelly harmonieren mit dem musikalischen Zentrum des Spiels. Zudem ist eine digital rekonstruierte Version des verstorbenen Schauspielers Bunta Sugawara zu sehen, ein Verweis auf japanisches Gangsterkino und kulturelles Erbe. Diese Cast-Mitglieder fügen sich organisch ein. Snoop Dogg dagegen bringt vor allem sich selbst mit – seine kommerzielle Aura ist so groß, dass sie die fiktive Figur überlagert. Man kann einwenden, dass auch andere Spiele der Reihe groteske Cameos hatten, etwa wenn bekannte Persönlichkeiten als Hostessen oder Nebencharaktere auftauchen. Doch der Unterschied liegt in der Integration: Während ein Cameo von Snoop Dogg in einem Spiel wie „Call of Duty“ oder „Tekken“ weniger stört, weil dort bereits eine losere Verbindung zur Realität besteht, baut die Yakuza-Reihe auf einem spezifischen Japan-Bild auf, das durch einen derartig offensichtlichen US-Promi gestört wird.
Marketinglogik versus künstlerischer Anspruch
Es ist offensichtlich: Snoop Dogg wurde für das Spiel verpflichtet, um Aufmerksamkeit zu generieren. Die Marketingabteilung von SEGA oder Xbox hat hier ein memetaugliches Gesicht gesucht. In der Branche nennt man das „influencer marketing“ oder „celebrity endorsement“. Der Rapper selbst prahlte einst damit, ein 100-Millionen-Dollar-Angebot von der Website OnlyFans abgelehnt zu haben – auf Wunsch seiner Frau. Diese Anekdote zeigt, dass er zwar nicht für jedes Geldangebot zu haben ist, aber dennoch strategisch vorgeht. Für „Stranger Than Heaven“ hätte man sich einen anderen Weg wünschen können. Das Spiel sieht vom Gameplay und der Erzählung her vielversprechend aus: eine dramatische Handlung, die historische Ereignisse und persönliche Schicksale verknüpft. Ein großer Star wie Ado oder Tori Kelly passt besser, weil deren Stimmen das musikalische Thema unterstreichen. Snoop Dogg wirkt wie ein Fremdkörper, der durch die vierte Wand bricht.
Mögliche Besserung im fertigen Spiel
Vielleicht schafft es das fertige Spiel, die Figur Orpheus mit mehr Tiefe und Präsenz auszustatten. Vielleicht war der Reveal nur ein schlechter erster Eindruck, und im Laufe der Handlung wird klar, warum gerade dieser Charakter so dargestellt wird. Dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack. Die Yakuza-Reihe hat immer von ihrer Authentizität und emotionalen Wucht gelebt, trotz aller Absurdität. Ein Snoop-Dogg-Cameo, das wie ein Werbeplakat wirkt, untergräbt diese Stimmung. Es bleibt zu hoffen, dass die Macher die Figur doch noch geschickt in die Geschichte einweben. Bis dahin wird die Fangemeinde diskutieren, ob dieser Schritt notwendig war oder nur dem Zeitgeist geschuldet ist. Die endgültige Bewertung muss der fertige Titel liefern – aber die Skepsis bleibt.
Source: PC GAMES News